Biskaya, zweiter Versuch

Meinen Stegnachbarn nenne ich „Hoedic!“ als Ziel. Gelogen! Ich will gar nicht immer sagen müssen wo ich als nächstes hinfahre und wann ich wo bin. Ich weiß das selber nicht immer, weil es oft einfach keine Rolle spielt.
Der Plan ist tanken und dann in den Golfe du Morbihan. Am Stegkopf entscheide ich mich anders. Statt rechts zur Tankstelle biege ich links ab! Auf in die Biskaya!!

Jetzt oder nie!
Ich könnte noch drei Tage warten. Dann ist noch günstigerer Wind vorhergesagt.
Ich segle einen speedoptimierten Amwindkurs bei 20 Knoten Wind (5 Bft), das sind bei mir ca. 50-60 Grad zum Wind. Damit werde ich in 60-70 Stunden die spanische Küste irgendwo zwischen Santander und La Coruna treffen. Wo genau kann man dann ja immer noch gucken. Ich lege mich im Salon in die Koje. Segelsachen lasse ich an aber einen Schlafsack hole ich mir dazu. Mein Handy liegt neben mir auf der Rettungsinsel, die ich mittlerweile als Tisch mißbrauche und auch hoffentlich nie für etwas anderes. Der Wecker klingelt alle 20 Minuten. Ich schaue aufs Handy und kontrolliere auf dem AIS (Erklärung unten für die nicht-segler) ob Schiffe in der Umgebung sind. Draußen schaue ich, ob ich noch etwas anderes sehe außer einer Millionen funkelnde Sterne. Der Kurs stimmt, Segelstellung auch, die Aries steuert. Die Nacht ist stockfinster bis ein glutroter Mond aufgeht und hinter einer Regenwolke verschwindet. Nichts passiert. Die ganze Nacht. Ich schlafe keine Minute.
Die Sonne geht so spät auf, dass ich anfange mir Sorgen zu machen. Da wird doch wohl nichts passiert sein?
Der Wind dreht und schläft ein.
Flaute! Wer segeln sooo liebt „wegen der Stille, dieser wunderbaren Ruhe auf dem Meer, nur das plätschern des Wassers“ war noch nie bei Restwelle in einer Flaute. Die Segel schlagen wild und knallen laut. Nichts plätschert hier. Zora schaukelt unvorhersagbar in alle Richtungen, überall klappert ein Block, eine Rolle, ein Fall, eine Flasche im Schapp, eine Tür. Ich starte den Motor und fahre ein paar Stunden. Mein Treibstoff reicht nicht um irgendwo anzukommen. Ich weiß das. Ich wusste es vorher. Also Motor wieder aus.
Ich trimme die Segel, dass ich halbwegs Ruhe habe. Der Kurs ist ersteinmal egal, ich bin eh viel zu langsam. Dann lege ich mich hin und schlafe. 20 Minuten. Aufstehen, gucken, schlafen. Der Wind wird schon wieder kommen. Seit Stunden habe ich kein Schiff mehr gesehen; weder „live“ noch auf dem AIS. Das Meer ist leer. Ich segle ganz alleine darauf herum!
Am dritten Tag kommt der Wind zurück und nimmt ordentlich zu. Am Horizont sehe ich dunkle Wolken dicht über dem Wasser. Land? Ich trage „Land in Sicht!“ ins Logbuch ein. Damit ist es amtlich!

Als Zielehafen suche ich mir Luarca aus. Nur bedingt eine gute Wahl.

Luarca, inneres Becken nur für Einheimische!

Der Himmel über der Biskaya! Schon schön so alleine auf See mit nichts um sich herum.

Mein AIS Screenshot kurz vor Luacra. Der rote Punkt bin ich. Das Flugzeugsymbol finde ich süß! wusste gar nicht, dass Flugzeuge AIS haben. Ist wohl ein „search and rescue“

Luarca! Hinter der Hafenmole sind sofort Wind und Welle komplett weg. Warm ist es. Ich bin ins Freibad gesegelt und fahre jetzt durchs Springerbecken. Die Dorfkinder springen mir fast aufs Boot und schwimmen schnell davon bevor der nächste Fischer rein fährt. Ein Junge ruft etwas. Bestimmt was freches. Kleine Jungs rufen immer freche Sachen. Bald beginnt die Schule wieder für dich, Freundchen ;-)
Es gibt quasi keine Anlegemöglichkeit. Die im Reeds erwähnten Visitors Bojen findet keine der drei Gäste Yachten die hier liegen. Mit Hilfe der Crew von der waypoint liege ich außen an einer Boje, an der es bei Niedrigwasser zu flach ist für mich. Es fehlen 50 Zentimeter. „Rocky bottom“ meint Wick von der waypoint. Er sei getaucht. Ich muss hier weg! Draußen weht es mittlerweile mit im Schnitt 25 teilweise über 30 Knoten (Windmesser übertreibt).
Ich fahre zurück in den inneren Hafen und kann an einem einheimischen Fischer anlegen. (Die waypoint wurde weggeschickt). Ich hätte sonst echt ein Problem gehabt!
Mit Carolin und Wick von der waypoint gehe ich noch was essen. Ich bin gar nicht müde.

3 Tage und 2 Nächte habe ich gebraucht. Mein Plotter kann mir nicht sagen, wie viele Meilen es waren, das dumme Ding! Schätze 310 Seemeilen. Es fühlt sich an wie eine andere Welt.

Luacra ist kein Hafen für Gäste. nirgendwo kann man anlegen. Die Idee „ich lege mich erstmal an die Tankstelle“ hatte schon ein einheimisches Schlauchboot. An das verottete Segelböötchen (Mitte) wollte ich erst längseits, kann dann aber doch am Fischer fest machen.

AIS: Berufsschiffe müssen über Funk Informationen aussenden. Sie senden u.a. wo sie sind, wie schnell und in welche Richtung sie fahren. Mit einem entsprechenden Gerät (AIS Empfänger) kann man sich das auf dem Bildschirm anschauen und Schiffe sehen bevor sie „live“ zu sehen sind. Sehr praktisch. Sehr sicher. Segelschiffe dürfen auch Informationen senden um dadurch besser gesehen zu werden.

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7 Antworten zu Biskaya, zweiter Versuch

  1. Peter Weidemann schreibt:

    Jetzt schon Asturien; Galizien mit Vigo und
    Kap Finisterre liegen jetzt praktisch um die
    Ecke!

  2. Carina-Fotografie schreibt:

    Respekt und Glückwunsch zur Biskayaüberquerung. Freue mich auf weitere Berichte
    Ich bin im letzten Jahr im März mit Mann und Sohn von Le Sables nach Gijon gesegelt. Habe mir auch den Wecker im Handy auf 15 Minuten gestellt.

  3. supinsa schreibt:

    Super gemacht !
    Wenn ’s passt fahre nach Ria de Cedeira rein, wunderschön und viel Platz zum Ankern.

  4. Hans Boebs schreibt:

    Übrigens dachte ich schon, dass Du gleich bis Afrika durchgsegelt bist. Luacra hörte sich für mich an wie die Hauptstadt von Angola, das ist aber Luanda. Hab ich halt noch Lusaka reingemischt und ne Prise Conakry, war damit aber immer noch in Afrika. Dank AIS und Marinetraffic weiß ich jetzt aber bescheid: Du bist in Lluarca angekommen ! Ist auch viel vernünftiger….

  5. Tom schreibt:

    Gratuliere zur Biskaya Überquerung ! Das Warten hat sich ja dann doch gelohnt…
    Bin gespannt, wo es als nächstes hingeht.

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