Eyemouth

Seit Tagen weiß ich nicht recht, was ich tun soll. Immer mal wieder denke ich, bis Kirkwall auf den Orkney kann ich es schaffen. Dann plane ich für den Sprung nach Peterhead. Zunehmend merke ich, dass mich die Planerei stresst. Nie kann ich irgendwo sein, ständig muss ich einen Zeitplan einhalten. Immer muss etwas beachtet werden. Mal ist zu wenig Wind, dann zu viel Wind. Immer ist irgendetwas. Die Tide ist mein ständiger Begleiter und nicht immer guter Freund. Also nicht Peterhead.

Robben schwimmen im Hafenbecken und lauern auf Fischabfälle vom Boot. Ich muss das Boot im engen Hafen steuern, mit dem Harbourmaster funken, und fotografieren. Alles gleichzeitig.

Robben schwimmen im Hafenbecken von Eyemouth und lauern auf Fischabfälle vom Boot. Ich muss das Boot im engen Hafen steuern, mit dem Harbourmaster funken, und fotografieren. Alles gleichzeitig.

Ich bin schon oft Nachts gesegelt und auch mehrere Tage auf See gewesen. Alleine segeln ist eine andere Nummer als mit Crew. Wenn du mit mehreren, und sei es nur zu zweit, segelst, kannst du dich immer wenigstens etwas regenerieren. Auch eine anstrengende Wache ist es nach 4 Stunden vorbei. Du kannst dich ausruhen und hinlegen. Du kannst dein Ölzeug ausziehen, dich in die Koje legen und zudecken, die Augen schließen und abschalten. Selbst, wenn du nicht schlafen kannst, du kannst liegen und muss dich nicht kümmern. Du hast frei. Alleine nicht. Deine Wache ist zu Ende, wenn du angelegt hast. Vorher nicht.

eyemouth von seeIch lande also in Eyemouth. Unzufrieden bin ich mit mir, weil ich nicht einmal ein Drittel meines ursprünglichen Planes erfüllt habe. Oder soll ich es als Erfolg feiern bis hier hin gekommen zu sein?

Eyemouth – ganz so 'pittoresque' wie angepriesen ist das 'Village' nicht, dafür ist der 'still busy Fishing Harbour' wirklich busy.

Eyemouth – ganz so ‚pittoresque‘ wie angepriesen ist das ‚Village‘ nicht, dafür ist der ’still busy Fishing Harbour‘ wirklich busy.

In Eyemouth merke ich, wie gerne ich ankomme. Natürlich segle ich gerne aber ich segle eben gerne zu einem Ort. Weil ich dort ankommen will. Und so freue ich mich, in Eyemouth gelandet zu sein. Englands Ostküste ist kein einfaches Revier. Es gibt kaum Häfen, nicht alle lassen sich jeder Zeit anlaufen. Und: Tide, Tide, Tide, f***ing Tide.

Amble Marina lässt sich nur ca. 2,5h vor bzw. nach Hochwasser anlaufen.

Amble Marina – es kommt noch wer. Die Marina kann man ca. 2,5h vor bzw. nach Hochwasser anlaufen

Amble Marina Hafenbecken bei Sonnenuntergang

Amble Marina Hafenbecken bei Sonnenuntergang

Amble

Amble

Ankerfeld Amble. Leider für mich nicht tief genug

Ankerfeld Amble. Leider für mich nicht tief genug

Die Bucht von Eyemouth. man kann hier auch ankern, wenn man einen Platz zwischen den Hummerkörben findet

Die Bucht von Eyemouth. man kann hier auch ankern, wenn man einen Platz zwischen den Hummerkörben findet

Hinterhof Eyemouth

Hinterhof Eyemouth

Fischer in Eyemouth

Fischer in Eyemouth

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Whitby

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Scarborough

Du bist der Durchschnitt der Leute mit denen du dich umgibst. Ich muss also Leute treffen die cooler sind als ich. Ich treffe Chris. Riesiges Boot. 37 Fuß, bestimmt. Er meint, Whitby ist weit weg. Alles sei weit weg. Selbst Wells next the sea (60 sm) ist weit weg. Ich bleibe im Hafen und warte. Dann treffe ich auf Rick und Barbara. Sie haben in ihrer 26ft Contessa über 35 Stunden für die 100sm von Gimsby nach Lowestoft gebraucht, sind in der Flaute hängen geblieben, sind totmüde und bester Laune. Sie empfehlen Whitby. Es sind 160 Seemeilen bis Whitby. „Wenn es nur einen Ort gibt den du besuchen kannst, lass es Whitby sein!“. Okay, also los.

vollmond auf see

Vollmond auf See

Die Nacht ist kalt und Vollmond hell. Sie ist voller Frachter und Bohrinseln. Als es hell wird und ich schlafen könnte, kommen die Fischer und noch mehr Frachter. Noch vor dem ersten Kaffee kommt der Wind mit bis 30 Knoten. Vorhersage ist, dass es mittags mehr wird. Ich reffe also nicht weiter. Ich will Alternativen haben, wenn es mehr wird. Reffen zu können beruhigt mich bei viel Wind. Wenn ich nicht mehr reffen kann und es windiger wird, was mache ich dann? Meine Windsteueranlage steuert mich zuverlässig durch die hohe See. Ich trage Schwimmweste, wenn ich zum Halsen nach vorne gehe um den Preventer zu bedienen. Ansonsten pendele ich zwischen Cockpit und AIS. Schlafen kann ich nicht. Von der Backbordsalonkoje kann ich das AIS und die Windanzeige beobachten. Immer noch Frachter im 3 Meilen Umkreis, immer noch um die 27 Knoten Wind.

logbuch nachts

Logbuch schreiben bei Nacht mit roter Stirnlampe

Irgendwann ist der Wind innerhalb von wenigen Minuten um 90 Grad gedreht und nahezu eingeschlafen. Als wäre nie etwas gewesen. Die See beruhigt sich so wie ich. Was bleibt ist etwas Schwell bei ihr und eine Grunderschöpfung bei mir. Die letzten 15 Seemeilen motore ich im Slalom durch Fischstäbchen. Scarborough – mehr ist nicht drin heute. Whitby wären nur 20sm weiter gewesen.

nachtwache

Frachter beobachten vom Niedergang aus

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Sonnenuntergang

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Sonnenaufgang

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Scarobourgh. It is lovely Darling, isn’t it?

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Scarborough

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Great Yarmouth

Flaute ist schlimmer als Starkwind. Das Vorsegel schlägt. Mit Wucht knallt das Groß in den Traveller. Ich halte die Schot um das halbwegs zu verhindern. Vortrieb bringen beide Segel nicht. Ein Knoten über Grund. Die Tide bestimmt den Kurs. Frachter kurven um mich herum. Fern im Norden kann ich die ersten Bohrplattformen erkennen. Oder auch Frachter? In den nächsten 5-6 Stunden gibt es keine Aussicht auf Veränderung. Außer, dass die Tide kentert. Ich verliere die Nerven und motore zurück. Nach Great Yarmouth. Wieder ewig langes motoren. Später kommt zwar halbwegs segelbarer Wind auf aber nun muss ich rechtzeitig in Great Yarmouth sein, bevor die Tide kentert. Die Tide diktiert den Zeitplan.

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River Yare auf dem Weg nach Great Yarmouth

Great Yarmouth Town Hall Quay ist eine schäbige Spundwand an einer befahrenen Hauptstraße. Ich wünschte, es hingen wenigsten dreckige Autoreifen herab, so dass mein Boot zwar voller schwarzer Streifen aber ohne Schäden bliebe. Wehe hier kommt jemand zum kassieren!

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Great Yarmouth. Vorne links Lukes Boot mit dem er um die Welt segeln will. Zitat: „It only takes 5 Minutes to clean up the mess!“

Luke hilft beim Anlegen. Wäre ich 14, hätte ich mich in ihn verliebt. Anfangs zwanzig, offen und freundlich, voller Ideen und Visionen. Er wohnt auf seinem Boot. Mit ihr will er ‚around the world‘ gehen. Es sei dafür gebaut und er habe neuerdings sogar einen Großbaum, so dass er höher am Wind segeln kann. Das Boot war ein günstiges Schnäppchen; natürlich ist der Motor kaputt.

Nun bin ich, weiß Gott, keine 14 mehr und so lade ich ihn nichtmals auf ein Bier ein. Weder aus Mitleid noch aus Dankbarkeit für seine Hilfe. Ich will die Hafenratte nicht auf meinem Boot haben.

Beim Stadtrundgang – mein Boot schließe ich dazu ab – treffe ich auf weitere zwielichtige Gestalten, so dass ich versuche vor Dunkelheit wieder am Schiff zu sein. Normalerweise bin ich gar nicht so empfindlich bei so etwas und vermutlich ist alles unbegründet, dennoch: heute Nacht schlafe ich mit meinem Messer in Griffweite. Den Wecker stelle ich auf 5:00 Uhr. Mit der erst besten Tide bin ich hier weg.

Am nächsten Morgen ist wieder kein Wind. Der Fahrtwind reicht, um das Vorsegel stehen zu lassen. Geschwindigkeit über Grund macht die Tide. Diesmal wollen wir in die selbe Richtung. Ich werde in Lowestoft auf mehr Wind warten. Ich kann mit Schwimmstegen, Duschen, Wlan einfach wesentlich besser warten. Da zahle ich auch gerne 26 britische Pfund.

Strandhäuschen in Lowestoft. Alle sind aus dem Häuschen, weil es endlich Sommer ist.

Strandhäuschen in Lowestoft. Alle sind aus dem Häuschen, weil es endlich Sommer ist.

 

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von Den Helder nach Lowestoft

Mein Plotter, das ulkige kleine Ding, behauptet es wären über 1700 sm von Den Helder bis Lowestoft gewesen. Was stimmt mit dem nicht? Mir kam das nur letzte Stück so lang vor, denn es zog sich wie Gummi. Immer wenn ich auf den Plotter geschaut habe, hieß es noch 5 Stunden bis zum Ziel, nein Wegpunkt. Die letzten 2 sm – gegen die Tide – habe ich meinem Plotter verschwiegen.

Mini-Bohrinseln, Frachter, Frachter die aussehen wie Bohrinseln, Fischer,nur Segler treffe ich keine unterwegs

Mini-Bohrinseln, Frachter, Frachter die aussehen wie Bohrinseln, Fischer. Viel Verkehr auf der Nordsee. Nur Segler treffe ich keine unterwegs

Insgesamt habe ich ca. 24 Stunden gebraucht. Und kein Auge zu getan. Viel Verkehr am Eingang vom Verkehrstrennungsgebiet, auf den Deep Waterways. Am meisten ca. 20 sm vor Lowestoft und da ich im Dunkeln dort war, war es extra spannend. Ich kann im Dunkeln Entfernungen noch viel schlechter abschätzen. Der zweite Grund warum ich keine Ruhe hatte unterwegs, liegt an meinem alten Handy. Bei der Überfahrt von Ijmuiden nach Den Helder habe ich mich drauf gesetzt. Der Touchscreen ist defekt. Ich kann es nicht mehr bedienen. Der Wecker klingelt aber noch. Ab 7:40 Uhr, da habe ich längst abgelegt, und dann alle 5 Minuten, weil ich den Alarm unterbrechen aber nicht abstellen kann. Bis vier Stunden vor Hafeneinfahrt, dann ist endlich der Akku leer. Den Weckton habe ich immer noch im Ohr.

Dafür piepst nun mein AIS-Alarm im 2 Minuten Takt und warnt vor neuen Frachtern. Ich nicke ein an der Pinnen, im Navisitz, überall. Selbst die Frachter, die hier ca. 20 Meilen vor der Küste zahlreicher auftreten als im VTG und DW zusammen, können mich nur kurz wach halten.  Am meisten erschrecken mich die Fahrzeuge ohne AIS.

Mein AIS ist Gold wert! Ich lasse mich warnen, wenn mir eine Frachter zu nahe kommt.

Mein AIS ist Gold wert! Ich lasse mich warnen, wenn mir eine Frachter zu nahe kommt.

Die Nachtansteuerung nach Lowestoft ist einfach. Ich sehe die Lichter der Stadt lange vorher und suche darin nach meinen Ansteuerungstonnen. Überall blitzt, blinkt oder longflasht irgendwas in rot, grün und weiß. Alles nicht meine Tonnen. Erst eine halbe Stunde vorher erkenne ich meine Kardinalsüdtonne vage, dann immer deutlicher. Daneben taucht die rote Funkelfeuer auf, die Flash 5 Sekunden und grün kann ich ebenfalls sehen. Das 2D Bild der Karte, meine Vorstellung im Kopf und die Realität verbinden sich zu einem Bild von der Einfahrt. Fast schade, dass gerade die Sonne aufgeht. Vor der Einfahrt noch schnell der Funkspruch mit Lowestoft Harbour control. Man muss nach der ‚Permission‘ zum einlaufen fragen. Als Antwort irgendwas englisches Unverständliches. Mir scheiß egal, ich fahre da jetzt rein, die werden sich schon melden, wenn sie was wollen. Klappt.

The Sun will rise tomorrow without your assistence - Ich übe schon mal englisch für später

The Sun will rise tomorrow without your assistence – Ich übe schon mal englisch für später

Nach schlafen, Hafengeld zahlen (26 Pfund), tanken –  ein Stadtrundgang. Der Linksverkehr überrumpelt mich total. Ich war einfach nicht vorbereitet. Nur in Begleitung eines Einheimischen, quasi in dessen Windschatten bzw. Verkehrsunfallopferschatten, traue ich mich über die Straße. Ich bin müde und ausgelaugt. Besondere sportliche oder geistige Leistungen könnte ich nicht erbringen. Muss ich auch nicht. Nur meine Kreditkarten PIN erinnern, um Pfund abzuheben und ein Fuß vor den anderen setzen, um durch die Stadt zu schlendern. Dafür reicht es. Nach einem zwanzig minütigen Rundgang durch Lowestoft bilde ich mir – getreu dem Motto „Kenn’se einen, kenn’se alle!“ – ein Urteil über Groß Britanien und das gesamte britische Volk. Da dieses nur zum Teil politisch korrekt ist, sei hier nur soviel erwähnt: Ich möchte weiter nach Schottland.

Lowestoft. Sehr viele alte Menschen. Vielleicht liegt es an der Tageszeit (Freitag vor 12:00 Uhr)

Lowestoft. Sehr viele alte Menschen. Vielleicht liegt es an der Tageszeit (Freitag vor 12:00 Uhr). Hat denn Joseph Conrad mit Lowestoft etwas zu tun? Ich dachte, der ist Pole gewesen.

20160715_133153.jpgFazit zur Überfahrt Den Helder nach Lowestoft: Es dauert länger als man denkt. Es ist viel Berufsschifffahrt unterwegs aber berechenbar, vor allem mit AIS. Insgesamt hatte ich das Gefühl alle Tiden zum ungünstigsten Zeitpunkt zu erwischen (außer Den Helder). Schlafintervalle von 4,5 Minuten sind für mich nicht erholsam. Ich kann mit etwas ’spannende-Ansteuerung Adrenalin‘ lange wach bleiben.

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